China- oder Japanstudium?

Eine spannender Aspekt des Blogschreibens ist, dass ich ab und zu „Post“ von Lesern bekomme, die mir Fragen zu Japan oder China stellen. In den letzten Monaten bekam ich von mehrfacher Seite Anfragen zu meiner Einschätzung von Japan- oder China-bezogenen Studiengängen. Im Gegensatz zu vor 15 Jahren, als ich mit meinem Japanischspleen angefangen habe, ist mittlerweile das Thema Ostasien tatsächlich sehr schick und angesagt geworden und so mancher Abiturient fragt sich, ob er sich lieber für die China oder Japanschiene entscheiden soll.

Hier ein paar Worte zu meiner persönlichen Einschätzung. Ersteinmal sollte man sich klar darüber werden, dass ein Studium Richtung Ostasien nicht „nur“ eine Studienwahl ist, sondern – falls man damit erfolgreich sein möchte – eine weitreichende Lebensentscheidung bedeutet. Zwar gibt es tatsächlich in Ostasien für qualifizierte Deutsche ungemein interessante Jobmöglichkeiten. In Deutschland allerdings sind Japan und Chinajobs eher rar gestreut. Man sollte sich also vor Antritt eines solchen Studiums die Frage stellen, ob man für lange Zeit (d.h. unter Umstände Jahrzehnte) in Asien leben und arbeiten möchte. Wer die Vorstellung hat, mal ein paar Semester in Asien zu studieren und dann in Europa den Superjob zu ergattern, ist leider falsch gewickelt. Meiner Einschätzung nach lohnt sich ein China oder Japanfokus nur, wenn man auch bereit ist, für mehrere Jahre intensiv die Sprache vor Ort zu büffeln und dann seine Karriere eben auch auf Asien auszurichten. Ich kenne viele Japanologen, die ein Jahr in Tokyo studiert haben, dann aber doch meinten, langfristig in Deutschland leben zu wollen. Für ein solches Profil gibt es aber leider in der Heimat nur relativ wenig Stellen und darüber sollte man sich bewusst werden.

Natürlich fragen mich viele, ob man nun denn in Japan oder China „bessere Chancen“ habe. Erstmal denke ich, dass man sich grundsätzlich für ein Land nicht aufgrund der „Chancen“ entscheiden sollte. Als junger Absolvent hat man noch locker 30, 40 Jahre Berufslebens vor sich und niemand kann einschätzen, wie sich die Wirtschaft eines Landes über einen solchen Zeitraum entwickeln wird. Ich würde deshalb jedem empfehlen, eine solche grundlegende Entscheidung wirklich aufgrund der Affinität zum Land und dessen Kultur zu wählen. Sowohl in Japan als auch in China hat man unterschiedliche Vor- und Nachteile und ich denke, in beiden Ländern kann man sich zu einem Nischenexperten hocharbeiten, vorausgesetzt man bringt die entsprechenden Sprach- und Fachkenntnisse mit.

Apropos Fachkenntnisse: Ich denke, der Grund warum „Japanologie“ und „Sinologie“ den Ruf hat, als Exotenfächer nicht karriereförderlich zu sein, ist eben der, dass die Absolventen oft außer der Sprach- und Kulturkenntnisse relativ wenig in der Wirtschaft relevantes Fachwissen mitbringen. Jeder Student sollte sich darüber im Klaren sein, dass Sprachkenntnisse zwar gefragt sind, aber nur eine Qualifikationsdimension darstellen. Ich würde also Studenten in solchen Fächern in erster Linie das folgende empfehlen:

– Möglichst früh eine Richtung entsprechend einer Industrie/Jobkategorie festlegen.

– Zusatzqualifikationen entsprechend dieser Richtung sammeln, z.B. durch Nebenstudium, Praktika, Nebenjobs etc.

– Sinnvolle Qualifikationen sind Fachkenntnisse in BWL, Jura, IT, Maschinenbau etc.

– Frühzeitig Kontakte knüpfen zu Leuten in der Industrie, z.B. durch Fachkonferenzen, Bachelor- und Masterarbeiten, Praktika, Nebenjobs etc.

Gerade weil es wenige deutsche Experten gibt, die sowohl asiatische Sprachen fließend beherrschen und sich gut in ihrem Fachgebiet auskennen, existieren meiner Meinung nach sowohl in Japan als auch China noch vielfältige Chancen in fast allen Industrien und in der Forschung. Allerdings sollte man wie gesagt sich darüber im Klaren sein, dass eine solche Karriere ein intensives Sprachstudium, viele Jahre im Ausland und ein frühzeitige strategische Karriereplanung bedeutet. Ich habe meinen Schritt nach Ostasien nie bereut, aber ich muss auch zugeben, dass mein Leben wahrscheinlich für 95% aller meiner deutschen Bekannten ein Alptraum wäre, weil natürlich ein Leben im Ausland mit allerlei Herausforderungen und täglichen kulturellen Unterschieden einhergeht. Man muss schon von der abenteuerlichen Sorte sein, um so ein Leben genießen zu können und an einem total anderen Alltag auf lange Sicht Spaß zu finden. Für Fernwehgeplagte und Kulturfans allerdings ist natürlich Ostasien ein ungemein unterhaltsamer Spielplatz!

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Ein Kommentar (+deinen hinzufügen?)

  1. Christina
    Dez 15, 2011 @ 08:24:55

    Danke für diesen interessanten Post, bei dem ich nur zustimmen kann. Ich persönlich kenne eine Person, die genau in diese Sparte fällt (BWL Studium + perfekte Chinesischkenntnise) und zwar die Möglichkeit hatte in seiner Firma in Österreich zu arbeiten nun aber immer wieder gefragt/gedrängt wird, doch für ein paar Jahre nach China zu gehen.

    Auf die schnelle würde ich sofort „JA!“ rufen, wenn man mich fragt, ob ich ein paar Jahre nach Ostasien gehen will (vorallem nach Japan!), aber Vorstellung und Realität sind zwei unterschiedliche Dinge. 😉 (Wahrscheinlich heule ich bereits nach drei Monaten rum und will wieder nach Hause. ^_^)

    Für mich ist es daher umso interessanter bei dir mitlesen zu können, wie es ist in einem fernen und fremden Land zu leben. Ich freue mich bereits auf neue Post!

    Liebe Grüße
    Christina

    Antwort

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