Trockne dein Glas!


Also eins muss man den Chinesen lassen: Sie schaffen es garantiert, jeden betrunken zu machen. Gegenwehr zwecklos. Gestern wollte ich mich gerade auf den Heimweg machen, als ich am Aufzug zufälligerweise unseren Dekan mitsamt einigen der neuen wissenschaftlichen Assistenten traf. Selbstverständlich wurde ich daraufhin spontan zum gemeinsamen Abendbankett mitgenommen.
Essen ist in China ungemein wichtig, wobei der Fokus darauf gelegt wird im gemeinsamen Rausch tiefere Vertrauensverhältnisse zu knüpfen. Anders ausgedrückt gibt es absolut keinen Weg daran vorbei, sich gepflegt mit allen zu betrinken, denn wer sich beim Alkohol zurückhält, gilt als Spaßbremse und allgemein schwer zugänglich. Auch in dieser Hinsicht ist China gleichberechtigt und das Argument, man sei eine Frau, zieht leider nicht (in Japan konnte ich mich in dieser Hinsicht immer recht leicht entziehen). Gott sei Dank vertragen die meisten Asiaten nicht sehr viel Alkohol, deshalb werden sie zumindest im selben Blitztempo blau wie ich. Strategisch ungeschickt hatte ich mir allerdings mit dem Stuhl direkt neben dem Dekan (der den 70% chinesischen Schnaps sehr großzügig austeilte) den falschen Platz ausgesucht. Bei jedem Versuch, weiteres Nachschenken zu verhindern, wurde ich von allen Seiten mit Komplimenten überhäuft, wie „offen“ und „beliebt“ ich doch wäre, was es dann natürlich verbot, sich beim Alkohol kleinlich zu geben. Nach jedem Glas wurde kontrolliert, ob ich es komplett geleert hatte („Prost!“ auf Chinesisch bedeutet direkt übersetzt „Trockne dein Glas!“ = Auf Ex). Gewieft schaffte es der Dekan sogar, mir im nicht mehr nüchternen Zustand ein halbherziges Vielleicht abzuringen, bei der Neujahresfeier der Fakultät eine Salsavorführung zu geben, wobei das „Vielleicht“ selbstverständlich im Laufe des Abends von chinesischer Seite zu einer felsenfesten Zusage uminterpretiert wurde. Mittlerweile ist mir klar, warum die Chinesen als so hervorragende Verhandler gelten. Allerdings muss ich auch sagen, dass solche Bankette durchaus unterhaltsam und lustig sind, da sich wirklich alle Kollegen auf Augenhöhe begeben und es sehr familiär und vertraut zugeht. Gerne wird zum Beispiel diskutiert, wie man es schafft, mich für immer in China und an der Uni zu halten, und schwärmt mir von den hervorragenden Ausbildungseinrichtungen und Kinderhorten an der BNU vor. 😉 Gestern jedenfalls torkelte ich erstmals mit den Kollegen nach Hause und schwor mir, nächstes Mal einen Platz weiter weg von der Schnapsflasche entfernt zu wählen…

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2 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. féizào
    Sep 08, 2011 @ 07:15:23

    Oh ja, sowas hat ein Freund von uns auf von seiner China-Geschäftsreise auch erzählt.
    Das Glas randvoll mit bestem Wein, dann „Gambei“ (oder so ähnlich) und auf ex runter damit. Sein Chef immer nur: „Oh nein, nicht mit dem guten Wein!“

    Gibts eigentlich viele Alkoholiker in China?

    Antwort

    • sakurasky
      Sep 09, 2011 @ 13:26:53

      Anscheinend ja. Hängt natürlich auch etwas vom Beruf ab, aber z.B. die Vertriebsleute scheinen es in dieser Hinsicht recht schwer zu haben, weil sie oft mehrmals die Woche Trinken gehen müssen. Außerdem ist der Alkohol hier auch gleich richtig hartes Zeug (hochprozentiger Schnaps), weshalb viele auch Magenprobleme bekommen.

      Antwort

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