Japanwissen in Deutschland

Da sich auf den Bildzeitungsartikel-Link eine recht lebendige Diskussion entwickelt hat, wollte ich noch selbst ein paar Zeilen dazu schreiben, warum die Berichterstattung und das Allgemeinwissen über Japan in Deutschland so grottenschlecht ist, dass man teilweise vor Fremdscham nur noch im Boden versinken möchte. 
Hier zur Einstimmung ein paar meiner Lieblingsmomente:

Verkäuferin bei H&M, der gegenüber ich erwähnte, dass ich ihn Tokyo arbeite:
„Waaaas? Sie leben in Japan? Also ICH könnte das nicht, mit all diesen Tiermärkten.“

(Ähhm, sie meint wohl gewisse Märkte in Südchina, auf denen man so allerlei Spezialitäten kaufen kann, aber knapp vorbei ist eben auch daneben).

Schülerin, ca. 15 Jahre:
„Wenn du in Japan lebst, musst du da auch Dackel essen?“

Deutscher Kollege, ca. 30 Jahre:
„Was? Japan ist eine Insel?“

Mein Biologielehrer in der 12. Klasse:
„Ja die Japaner, die haben ihren Frauen allen die Füße abgebunden.“

Und ein köstliches Zitat aus einem gut recherchierten (hust hust) Reiseführer:

„Die Japaner sprechen alle Respektpersonen mit dem höflichen „-san“ an. Da sie den Fuji als Berg verehren, wird selbst dieser Fuji-san genannt.“

Ich denke, diese fast schon unglaubliche Ahnungslosigkeit und falsche Berichterstattung beruht auf zwei Hauptgründen:

Erstens hat kaum ein Journalist, der über Japan schreibt, tatsächlich längere Zeit im Land gelebt und besitzt nur in Ausnahmefällen fundierte Sprachkenntnisse.  Selbstverständlich kommt es so zu haufenweise Missverständnissen, wenn westliche Beobachter sich entweder auf Quellen aus zweiter oder dritter Hand berufen oder sich von – u.U. selbst nicht linguistisch allzu gewappneten – Japanern kulturelle Phänomene erklären lassen. Ich möchte nicht wissen, wieviele Journalisten hier für ein paar Tage anreisen, sich umschauen und dann als „Experte“ über Japan fachsimpeln. Der aber viel entscheidenere Grund ist meiner Meinung nach, dass sich realistische Berichterstattung über Japan einfach sehr viel schlechter verkauft als Skandalschlagzeilen. Kleiner Test: welcher Titel bringt wohl mehr Leser?

A) Japan – ein angenehmes, zivilisiertes Land zum Leben
B) Bizarres Japan – Unglaubliche Fetischspiele, demütige Geishas und tiefgründige Samuraitraditionen, wie wir sie bei uns nie vorstellen könnten!

Wahrscheinlich würden sich die meisten Verlage schlichtweg weigern, ein Buch zu veröffentlichen, welches im Stil von A) einfach den normalen Alltag in Japan beschreibt. Selbstverständlich existieren auch in Japan viele Vorurteile gegenüber Ausländern, Deutschen und der westlichen Kultur, aber man muss zugeben, dass die Japaner über Europa im Durchschnitt eindeutig besser und fundierter informiert sind als umgedreht. Schon mehrfach ist es mir passiert, dass sich Japaner bei mir über aktuelle Fragen der deutschen Politik erkundigt haben oder auch mal ein deutsche Volkslied (selbstverständlich im Original!) anstimmen wollten. Welcher Durchschnittsdeutsche kennt im Gegensatz dazu überhaupt einen japanischen Politiker beim Namen?
Vielleicht ist es Zeit, in Deutschland das Unterrichtsfach „Asiatische Kulturen: Geschichte, Politik, Gesellschaft und Sprache“ einzuführen. Das wäre mal eine zukunftsweisende Innovation. 🙂

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9 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Dariojin
    Okt 08, 2010 @ 11:02:19

    Da kommen noch weitere Fragen auf:

    Wie ist das Wissen der Bürger in Deutschland über Deutschland ?

    Wie ist mit dem Allgemeinwissen überhaupt bestellt?

    Nach den Statistiken und Erfahrungen ist Bildung hierzulande auf Talfahrt.

    „Bildung schafft sich ab“ !!!!

    Antwort

  2. xelonir
    Okt 08, 2010 @ 12:38:31

    @Dariojin: Leider wahr. Welcher (jüngere) Deutsche könnte denn so aus dem Stegreif ein deutsches Volkslied anstimmen?

    Ich erinnere mich da noch an meine erste Japanreise … Bustransfer vom Hotel in Hakone zum Bahnhof, uns begleitete auf der kurzen Strecke eine junge japanische Reise(beg)leiterin. Die trällerte uns zur Unterhaltung ein Liedchen vor und fragte dann, ob wir ihr im Gegenzug nicht ein deutsches Volkslied vorsingen könnten … sehr peinliche Situation.

    Antwort

  3. Michael
    Okt 08, 2010 @ 13:45:30

    @Sakurasky
    Schoen g/(b)eschrieben und von meiner Seite ein FACK dazu.
    Es ist zum Haare raufen wie man sich gegen das „fundierte Fachwissen“ oft den Mund fusselig redet.

    Antwort

  4. tonari
    Okt 08, 2010 @ 20:07:24

    Noch ein Beispiel?

    Kommt man aus irgendwelchen Gründen auf die japanische Sprache zu sprechen, dann blubbert vielen ein „Ah, Schingschangschong!“ aus dem Mund. 🙄

    Antwort

    • obi
      Okt 09, 2010 @ 08:15:05

      @tonari: HaHa, JA da kann ich dir nur zustimmen. Immer wenn man nur ansatzweise über die Sprache sprechen will kommt genau so eine Reaktion von vielen Leuten.

      Denk mal die meisten wollen sich auch gar nicht mit dem Land beschäftigen, warum auch. Sie werden nie hin fahren, außerdem können doch die meisten nicht mal alle deutschen Nachbarländer aufzählen 😉

      Antwort

  5. Hans Zillermann
    Okt 09, 2010 @ 00:39:53

    > aber man muss zugeben, dass die Japaner über Europa im Durchschnitt
    > eindeutig besser und fundierter informiert sind als umgedreht.

    Über Europa vielleicht – aber über Deutschland im speziellen? Das ist für den Monteur von NTT auch nur ein Fleck mit Wurst und Bier, der zwischen Chopin und Wein auf der anderen Seite Eurasiens liegt. Will sagen, es werden ebenso verschiedene Kulturen ineinandergeworfen wie bei uns China, Taiwan, Korea und Japan.

    Antwort

  6. Higanbana
    Okt 09, 2010 @ 10:20:49

    Hallo,

    also ich kann dem nur zustimmen und an den OUBEIJIN – Americeuropaeer erinnern. Ich kenne es eher doch so, dass Japaner gerne Nordamerika und ganz Europa in einen Pott schmeissen und dann so Fragen kommen wie „Warum haengt ihr denn nicht die Waesche draussen auf?“ oder „Warum zieht ihr in der Wohnung Strassenschuhe an und schlaft sogar in ihnen?“ Und du musst mal handelsuebliche Buecher zu „internationaler Kultur“ lesen, was da dann oft so kommt, bringt einen auch nur zum Verzweifeln.

    Vielleicht gibt es im Verhaeltnis gesehen mehr Japaner, die schon mal in Deutschland waren, als denn Deutsche, die es nur mal nach Tokyo geschafft haben. Aber insgesamt hoere ich zu Deutschland auch immer nur „Wurst und Kartoffeln“ und „hartes Brot“ und „Biertrinken“. „Und deutsche Staedte sind ja so sauber und schoen, und Deutsche sind ja so fleissig und klug.“ „Und Deutschland und Japan sind die besten Freunde.“ Vielleicht sind die Vorurteile neutraler oder sogar von der positiven Seite, aber soooo viel besser finde ich die Situation eher doch nicht.

    In einer Sache hast du aber Recht. In Deutschland sollte wirklich mal das Fach „Weltgeschichte“ eingefuehrt werden, damit man endlich mal anfaengt, ueber sein deutschlandzentriertes Weltbild drueber nachzudenken. Und interessant kann es auch sein. Ich habe hier manchmal, wenn ich Zeit hatte, Weltgeschichte auf NHK angeschaut, und ueber die Unabhaengigkeitsbewegung von Suedamerika u.a. zu hoeren war mehr als interessant. Eigentlich schade, dass das Fach auch eher nicht zu den relevanten Faechern fuer die Unipruefung gehoert und daher bis vor 3 Jahren gerne mal nur halb oder gar nicht unterrichtet wurde.

    Antwort

  7. Hitoshi
    Okt 18, 2010 @ 20:18:21

    Wow. Biologielehrer! Vielleicht muss ich Chonmage und Schwerter haben. Es ist sogar nicht in Japan und auch 13 Jahrhundert…

    Ich habe eine Frage fuer mich, warum kann ich hier fast keine japanischen Literatur finden. Ich kann nicht finden meiner japanischen Freunde, die nie ueber Kafka, Goethe, oder Hesse gehoert. Aber, ich habe nur sehr wenige deutsche Freunde, die Natume, Dazai, oder Akutagawa wissen. (Aber diese deutsche Freunden weiss ganz tief, ich bin beeindruckt.) Die beste ich habe ist nur Murakami. Aber vielleicht das ist ein gute Anfangen.

    Einmal in ein deutschen Fernsehen erklaeren Amaterasu ein (so genannt) Japanologie Professor und sie bekleidet Furisode-Kimono. Es ist wie Zeus traegt ein Anzug.

    Antwort

  8. Tobey
    Nov 16, 2010 @ 12:12:38

    Seit ich mich für Japan interessiere, habe ich viel darüber gelernt und bin jedes mal geschockt, wenn ich Artikel über Japan auf Websites oder in Zeitschriften, die sich meistens durch Bildzeitungsniveau auszeichnen, lese. Da werden alle Clichés ausgekramt, die man finden kann.
    Das ist der Grund, wieso sich bis heute noch die Geschichte mit den Schulmädchenhöschen aus dem Automaten hält, warum jeder bei dem Thema Sprache an „Schingschangschong“ denkt und wenn es um das japanische Essen geht, sich jeder „Hund und Katze auf dem Grill“ vorstellt.

    Antwort

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