Durch die Blume

Nach nun schon ca. 3.5 Jahren Japan komme ich im Alltag gut zurecht und empfinde die kulturellen Unterschiede zu Europa selten als Belastung. Gerade aber gestern habe ich gleich zweimal gemerkt, wie weit entfernt ich doch noch von höflicher japanischer Kommunikation durch die Blume entfernt bin. Am Nachmittag zum Beispiel wollte ich an einige Headhunter eine Email schreiben mit der Aufforderung, uns doch bitte noch einige zusätzliche Kandidaten vorzustellen, da wir dringend eine gewisse Stelle zu besetzen haben. Ich verfasste also in meinem schönsten Japanisch eine Email mit dem Satz: „Bitte schicken Sie uns noch weitere Bewerbungen, da wir dringend diese Stelle zu besetzen haben.“ Als ich dieses Schreiben dann bei einer Kollegin Korrekturlesen ließ, meinte diese, so direkt dürfe ich das aber nicht schreiben. Wie wäre denn vielmehr die Formulierung: „Falls sie noch Fragen zur Stellenbeschreibung von XYZ haben, melden Sie sich bitte bei uns“. Ein japanischer Headhunter würde anscheinend sofort diese Formulierung durchschauen und schlussfolgern, dass wir die Stelle noch nicht besetzt haben und deshalb noch dringend Bewerbungen brauchen… Naja, warum einfach, wenn es auch kompliziert geht. 😉

Am Abend habe ich mich seit langer Zeit wieder einmal mit meinem japanischen Tangolehrer getroffen. Er brachte mir ein Geschenk mit, um sich dafür zu bedanken, dass ich ihm vor einigen Monaten bei der Organisation einer Milonga geholfen hatte. Als ich das Geschenk auspackte, musste ich recht verdutzt ausgesehen haben. Es war nämlich ein roter Regenschirm. Mitten im Hochsommer (okay, wir hatten bis vor wenigen Tagen Regenzeit, aber trotzdem…). Die Erklärung war die folgende: Ein Regenschirm ist etwas, was man mal verliert oder schnell kaputt geht, oder in der Bahn vergisst. Erklärung Ende.

….

…. ??

Nach einigem Nachdenken kam ich dann auf die (wahrscheinliche) Lösung dieser japanischen Denksportaufgabe. Und zwar vermute ich, dass der Hintergedanke war, dass – wäre das Geschenk ein „wertvolles“ gewesen – ich mich verpflichtet gefühlt hätte, dieses gut aufzubewahren und einen Ehrenplatz dafür in meiner Wohnung zu suchen. Da es allerdings „nur“ ein Schirm ist, wird diese schwere Last von meinen Schultern genommen und ich kann ihn einfach benutzen, ohne mir große Gedanken zu machen. Rot wurde natürlich gewählt, weil ungefähr die Hälfte meiner Kleidung diese Farbe hat und somit auch der Schirm modisch abgestimmt ist. Hach, Japan ist immer wieder ein unterhaltsames Land… 😀

Advertisements

4 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. anonym
    Jul 21, 2010 @ 00:58:03

    Spannende Einblicke. Aber: Ist es wirklich _so_ kompliziert? Das macht mir ja fast Angst! Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie oft man in der Anfangszeit in Fettnäpfchen treten mag, ohne es zu wissen.

    Antwort

    • sakurasky
      Jul 21, 2010 @ 01:13:02

      Tja, manchmal kommt man sich tatsächlich so vor, als ob man nicht nur von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen hüpft, sondern sozusagen seine Bahnen durch die Fritteuse zieht… Auf der anderen Seite sind allerdings die meisten Japaner sehr nett und verständnisvoll und erwarten von uns barbarischen Ausländern auch nicht, dass wir immer alles verstehen. 🙂

      Antwort

  2. Jana
    Jul 21, 2010 @ 07:04:52

    Die Geschichte mit dem Regenschirm finde ich wunderschön. Ich persönlich glaube, das ich in Japan keinen Monat überleben könnte, weil ich in jedes Fettnäpfchen treten würde, das es gibt. Trotzdem würde ich mir wünschen, wenn es hier zu Lande mehr Höflichkeit und Rücksichtnahme geben würde.

    Antwort

  3. Hitoshi
    Jul 24, 2010 @ 11:07:22

    Das ist eine weitere interessante Geschichte aus Japan. Danke! Ich weiss nicht warum ein Regenschirm, aber es klingt schoen. Ich glaube, aber dass es vielleicht mehr persornliche Dinge, anstatt Kultur.

    Einer meiner Freundinnen hat ein Geschenk bekommen von ein deutscher Mann. Die Erklaerung war die folgende: ,,Das heisst eine Gefuehl Kugel. Wir koennen Blumen, Ring, u.s.w. schicken. Aber ist es moeglich, ein Gefuehl schicken? Hier ist mein Spass Gefuehl im Kugel. Viel Spass!“ (Der Satz ist nicht richtig, aber nach meiner Erinnerung.)

    Ich dachte, dass es eine unique Art ist, aber keine Kultur. Oder, viele deutsche Manner machen so? Dann moechte ich auch ein Buch schreiben.

    Eine Idee. Wir koennen ein Buch ueber kulturelle Unterschiede zu zusammen schreiben. Es gab schon viele Buecher ueber diese Thema. Aber es ist normalerweise von nur ein Viewpoint. Die Leute denken wuerden, es ein weiteres aehnliches Buch gibt. Aber, unser Buch werden einzigartig sein, weil werde es beide Seite Viewpoint haben. Das ist ein Salespunkt. 🙂

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: