Im Tango-Trainingslager

Tango_dancing

Man sagt, in Asien würde man Geduld lernen. Meiner Erfahrung nach kann man das auch wunderbar in Europa, zum Beispiel  wenn man stundenlang auf deutsche Handwerker wartet („Bitte halten Sie sich zwischen 8 und 17 Uhr bereit!“) oder an französischen Supermarktschlangen, an denen grundsätzlich alle Leute aus unbekannten Gründen noch mit Schecks zahlen, die mit Hingabe ausgefüllt werden müssen… Naja, aber tatsächlich trifft man auch ab und an in Japan auf Situationen, in denen die eigene Geduld auf die Probe gestellt wird, oft in unerwarteten Momenten, wie in meiner Tangostunde. Obwohl wir Deutschen auch den Ruf von Pedanten genießen, schlagen uns die Japaner in ihrem Perfektionismus noch um Längen. Besonders wenn es darum geht, etwas zu erlernen, tun sie dies nämlich mit einer Detailversessenheit, die uns Westler leicht auf die Palme bringen kann. Oft muss ich mich beherrschen, eine einigermaßen zufriedenen Miene zu machen, wenn unser Tangolehrer uns einmal wieder eine Viertelstunde wie Pferde im Zirkus im Kreis rumlaufen lässt, damit wir die richtige „Gangart“ lernen. Bevorzugt noch ohne Musik, denn so eine Tanzstunde ist schließlich eine ersthafte Angelegenheit, bei der man sich voll und ganz auf die Schritte zu konzentrieren hat! Diese werden übrigens mit der genauen Gradangabe beigebracht: den rechten Fuß jetzt bitte einmal hier im 60 Grad Winkel ansetzen, dann den linken dazuführen, so dass sich eine Form wie die Uhrzeiger auf 12.10 Uhr ergeben und dabei nicht vergessen, die Schultern runter, Brust raus, Wirbelsäule streeeeecken und leicht nach vorne überbeugen… Wenn der Fuß dann auf Versehen auf 12.11 Uhr steht, muss man selbstverständlich nochmals alles wiederholen. Mein Tangolehrer behauptet sogar, dass er bei seiner Führung beieinflussen kann, in welchem Winkel sich die Frau dreht, je nachdem, ob er sein Gewicht auf den großen oder kleinen Zeh seines Fußes verlagert. Neulich habe ich einmal zufällig gefragt, wo ich denn in Tokyo mal auf ein paar Milongas (Tango-Tanzabende) gehen könne. Großer Anfängerfehler! Mit ausgesuchter japanischer Höflichkeite wurde mir von meinem Lehrer abgeraten (= verboten) schon jetzt zu Milongas zu gehen, weil ich noch nicht auf dem Niveau sei, um dort von den Tänzern aufgefordert zu werden. Im Gegensatz zu Salsa nämlich suchen sich anscheinend dort die Tänzer ihre Partnerinnen genau aus und tanzen bloß mit denen, die wirklich gut sind. Mein Lehrer hat auch gemeint, er würde selbstverständlich auch nur mit Frauen tanzen, die gut gekleidet und hergerichtet sind, denn er habe einen Ruf zu verteidigen und könnte „von jemanden gesehen werden“… Tja, nur so mal zur Entspannung tanzen die Japaner halt nicht. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass sie dieses Jahr zum ersten Mal die Weltmeisterschaft im Tango gewonnen haben. Vielleicht kann man sich von ihren Trainingsmethoden also doch das ein oder andere abschauen…

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Ein Kommentar (+deinen hinzufügen?)

  1. Xiaoi
    Sep 30, 2009 @ 08:01:03

    abgeraten (=verboten)

    wie geil :D:D 😀

    Antwort

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